Kapitel 19 – Regeln fuer Bewerber um die Einweihung

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Kapitel XIX

Regeln für Bewerber um die Einweihung

Es gibt bestimmte Lehrsätze und Anweisungen, die der Bewerber um die Einweihung studieren und befolgen muß. Ein großer Unterschied besteht zwischen den Begriffen „Anwärter auf den Pfad“ und „Bewerber um die Einweihung“. Jemand, der nach der Jüngerschaft trachtet und sie anstrebt, ist in keiner Weise an die gleiche spezifische Haltung und Disziplin gebunden wie der „Bewerber um die Einweihung“ und er kann, falls er sich dafür entschliesst, so lange brauchen, wie er es wünscht, um den „Pfad der Erprobung“ zu durchlaufen. Derjenige indessen, der Einweihung sucht, ist in einer anderen Lage und hat sein Leben, sobald die Bewerbung einmal erfolgte, unter eine endgültige Ordnung und unter ein strenges Regime zu stellen. Hiervon ist der Jünger noch befreit.

Die hier aufgestellten vierzehn Regeln sind aus einer Reihe von Anweisungen für solche zusammengestellt worden, welche die erste Einweihung suchen.

Regel I.

„Der Jünger möge suchen in seines Herzens tiefstem Grunde. Wenn dort ein helles Feuer brennt, das seine Brüder wärmt, ihn selbst aber nicht erhitzt — dann ist seine Stunde gekommen, vor dem Tor zu stehen und seine Bewerbung zu machen.“

Wenn die Liebe zu allen Wesen — welche Wesen es auch immer sein mögen- anfängt, im Herzen des Jüngers eine wirkliche Tatsache zu sein und doch nichtsdestoweniger für ihn selber nicht existiert, so ist es ein Vorzeichen, daß er sich dem Tor

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der Einweihung nähert; er mag dann die nötigen vorbereitenden Gelübde tun. Diese Gelübde müssen abgelegt werden, ehe sein Meister den Namen des Bewerbers um eine Einweihung einreicht. Wenn ihm Leid und Schmerz des niederen Selbst gleichgültig geworden sind, wenn es ihm unwichtig geworden ist, ob Glück seinen Weg kreuzt oder nicht, wenn es sein einziger Lebenszweck geworden ist, der Welt zu dienen, sie zu erlösen, wenn seines Bruders Not ihm mehr bedeutet als die eigene, dann durchglüht ihn das Feuer der Liebe und die Welt kann sich zu seinen Füßen wärmen. Diese Liebe muß sich in praktisch angewandter und erprobter Liebe äußern, sie darf kein bloßes Lippenbekenntnis, ein undurchführbares Ideal oder gar eine selbstgefällige Gefühlsanwandlung sein. Sie muß an den Heimsuchungen und Prüfungen des Lebens gewachsen sein, so daß Selbstaufopferung und Überwindung der niederen Natur das Hauptmotiv seines Lebens bilden.

Regel II.

„Wenn die Bewerbung in dreifacher Form geschehen ist, dann möge der Jünger jene Bewerbung wieder zurückziehen und vergessen, daß sie gemacht worden ist.“

Hierin liegt eine der ersten Prüfungen. Die Geisteshaltung des Jüngers soll so sein, daß er sich nichts daraus macht, ob er die Einweihung erlangt oder nicht. Eigensüchtige Beweggründe dürfen nicht hereinspielen. Nur solche Bewerbungen, die von reinster Selbstlosigkeit zeugen, erreichen den Meister und werden von ihm weitergegeben an den Engel der Hierarchie, der Buch führt; nur jene Jünger, welche Einweihung suchen wegen vermehrter Kraft zum Helfen und des Segens wegen, den sie daraus empfangen, haben Aussicht, daß ihr Gesuch Gehör findet. Diejenigen, die sich aus der Einweihung nichts machen, erhalten nicht den okkulten Ritterschlag und jene, die darauf aus sind, aus Selbstsucht oder Neugierde an den Mysterien teilzuhaben, können nicht eintreten, sondern werden vergeblich an der Tür klopfen. Diejenigen aber, deren Sinn auf das Dienen gerichtet ist, diejenigen, welche die

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 Bürde der Weltnot tragen, deren persönliches Verantwortungsgefühl dadurch wach geworden ist und die das Gesetz erfüllt haben, diese klopfen an und es wird ihnen aufgetan; ihr Anliegen wird erhört. Sie sind es, die einen Ruf um vermehrte Kraft zum Helfen ausschicken, der hinaufdringt an das Ohr jener, die in Schweigen verharren.

Regel III.

„Dreifach muß der Ruf sein, und lange braucht es, um ihn laut werden zu lassen. Möge der Jünger den Ruf ertönen lassen hinweg über die Wüste, über das Meer und durch die Feuer, die ihn trennen von dem verschleierten und verborgenen Tor.“

Unter dieser sinnbildlichen Darstellung wird dem Jünger eingeschärft, die Wüste des Lebens auf dem physischen Plan aufblühen zu lassen wie die Rose, so daß aus dem Garten des niederen Lebens jene Klänge und Düfte aufsteigen und ein Vibrieren, das stark genug ist, die zwischen ihm und dem Tor sich ausspannende Weite zu durchdringen; weiter, die unruhigen Gewässer des Gefühlslebens zu besänftigen, so daß in der weiten, gestillten und durchsichtigen Fläche jenes Portal widergespiegelt und im niederen Leben das geistige Leben der innewohnenden Göttlichkeit abgebildet werde; schließlich jene Motive, Worte und Gedanken, welche die Haupttriebfeder aller Tätigkeit sind und ihren Ursprung auf der Mentalebene haben, durch das Feuer des Hochofens zu schicken. Wenn diese drei Aspekte des sich manifestierenden Ego, des innewohnenden Gottes, unter Kontrolle gebracht, koordiniert und in die Wirklichkeit umgesetzt worden sind, d
ann wird, es mag für ihn sogar unbewusst geschehen, die Stimme des Jüngers gehört, die das Öffnen des Tores erbittet. Wenn das niedere Leben auf der physischen Ebene fruchtbar gemacht, das Gefühlsleben stetig geworden und das mentale Leben umgewandelt worden ist, dann vermag nichts das Aufgehen der Klinke an jenem Tor zu hindern und der Jünger kann hindurchgehen. Einzig synchronisierte Schwingungen (= gleichgerichtete Wellen) mit solchen, wie sie auf der anderen Seite des Tors herrschen, können das Schloss öffnen und wenn ebenso der Grundton im Leben des Jüngers mit dem des hierarchischen Lebens übereinstimmt, dann

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öffnet sich ein Tor nach dem anderen und nichts kann die Tore verschlossen halten.

Regel IV.

„Der Jünger möge die Evolution des Feuers pflegen; den niederen Leben Nahrung geben und so das Rad in Umdrehung halten.“

Hier bekommt der Jünger die Einschärfung, seiner Verantwortlichkeit jenen vielen niederen Leben gegenüber eingedenk zu sein, die in ihrer Gesamtsumme seinen dreifachen Körper der Manifestation ausmachen. So nur ist Evolution möglich; nur so erfüllt jedes Leben in den verschiedenen Reichen der Natur bewußt oder unbewusst seine Aufgabe, in der richtigen Weise mit Lebensenergien das zu durchdringen, was zu ihm im gleichen Verhältnis steht wie der Planet zur Sonne. Dadurch wird die Entfaltung des logoischen Plans mit umso größerer Genauigkeit voranschreiten. Das Reich Gottes ist ein inneres, und die Pflichten, die der innere, verborgene Herrscher hat, sind zweifach: erstens jenen Leben gegenüber, welche die physischen, astralen und mentalen Körper bilden und zweitens dem Makrokosmos gegenüber, jener Welt, von welcher der Mikrokosmos nur ein unendlich kleiner Teil ist.

Regel V.

„Möge der Bewerber darauf sehen, daß der solare Engel das Licht der lunaren Engel zum Verglimmen bringt und er als der alleinige Lichtspender am mikrokosmischen Himmel verbleibt!“

Um diese Anweisung zu erfüllen, müssen alle Bewerber zweierlei Dinge beachten: erstens ihrem Ursprung nachzugehen, ihrer eigenen, wahren Psychologie im okkulten Sinn gewahr zu werden und in wissenschaftlicher Art die eigentliche Natur des Ego oder Höheren Selbst, das im Kausalkörper wirksam ist, wahrzunehmen. Weiterhin müssen sie auf der physischen Ebene mittels ihrer drei niederen Körper lernen, die ihnen eingeborene Göttlichkeit und ihren essentiellen Wert in wachsendem Maß auszudrücken. Zweitens die Konstitution des Menschen zu studieren, die Methode ihres Funktionierens in der niederen Natur

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 zu verstehen, die Abhängigkeit von- und die Wechselbeziehungen zueinander bei allen lebenden Wesen zu erkennen und so die geringeren Leben, aus denen die drei Körper der Erscheinung (Manifestation) bestehen, unter Kontrolle zu bringen. Auf diese Art wird der solare Herr, die innere Wirklichkeit, der Sohn des Vaters und Denker auf seiner eigenen Ebene, zum Vermittler zwischen dem, was von dieser Erde, also irdisch ist, und dem, was in der Sonne Heimstatt hat. Es gibt zwei Bibelsprüche, die etwas von diesem Gedanken in sich bergen und die Schüler des Abendlandes mögen nicht ohne Nutzen darüber meditieren: „Die Reiche dieser Welt sind geworden das Reich unseres Herrn und seines Christus“ und der andere: „O Herr, unser Gott, andere Herren außer dir haben Herrschaft über uns gehabt, aber nur durch dich allein wollen wir deinen Namen nennen“. Der letzte Bibelvers ist besonders aufschlussreich, da er die Unterdrückung des niederen Tones und der schöpferischen Kraft durch das aufzeigt, was höherer Herkunft ist.

Regel VI.

„Die läuternden Feuer brennen schwach und niedrig, wenn das Dritte dem Vierten geopfert wird. Darum halte sich der Jünger davor zurück, Leben zu nehmen; er möge das, was am geringsten ist, mit dem Ertrag des Zweiten nähren.“

Diese Regel kann zusammengefaßt werden in der genügsam bekannten Anweisung an jeden Jünger, streng vegetarisch zu leben. Die niedere Natur wird verstopft und schwer, und die innen lodernde Flamme kann nicht hervorleuchten, solange Fleisch ein Bestandteil der Diät ist. Dies ist eine drastische Vorschrift für den Bewerber und sie darf niemals verletzt werden. Solange sie Aspiranten sind, können sie sich entscheiden, ob sie Fleisch essen wollen oder nicht, aber sobald sie einmal ein gewisses Stadium auf dem „Pfad“ erreicht haben, ist es im höchsten Grad erforderlich, daß jegliches Fleischessen aufgegeben und der Diät größte Aufmerksamkeit zugewendet wird. Ein Jünger darf nur Gemüse, Getreidespeisen, Obst und Nüsse zu sich nehmen und nur so kann er einen

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derartigen physischen Körper erbauen, der den Einzug des wirklichen Menschen aushält, der in seinen feineren Hüllen vor dem Initiator gestanden hat. Sollte er das nicht tun und es ihm dennoch möglich sein, eine Einweihung zu nehmen, ohne daß er sich in obiger Weise entsprechend vorbereitet hat, so würde der physische Körper von der einströmenden Energie, die durch die neubelebten Zentren fließt, zerbrechen und für Gehirn, Rückgrat und Herz würden grässliche Gefahren entstehen. Natürlich können keine bis ins einzelne gehende feste Regeln aufgestellt werden, einzig die Grundregeln, daß Fleisch, Fisch und gegorene Getränke jeder Art wie auch Tabakgenuss f