C. Die okkulte Bedeutsamkeit der Sprache.
Die alte Schrift sagt: „Wo viele Worte sind, da geht es ohne Sünde nicht ab“ h 290) /h, weil im gegenwärtigen Stadium der menschlichen Evolution in jedem Wortschwall vieles enthalten ist, was keinen Zweck hat oder auf Motiven beruht, die bei näherer Betrachtung einzig und allein auf die Persönlichkeit zurückzuführen sind. Je weiter der Aspirant auf dem Pfad der Annäherung an die Mysterien vorwärts kommt, um so grössere Vorsicht muss er walten lassen. Das ist aus folgenden drei Gründen notwendig:
Erstens einmal ist er infolge seiner Evolutionsstufe in der Lage, seinen Worten einen derartigen Nachdruck zu verleihen, dass er selbst darüber erstaunt wäre, wenn er nur auf der Mentalebene sehen könnte. Seine Schöpfung ist klarer umrissen, als die des Durchschnittsmenschen, seine Gedankenform besitzt dementsprechend mehr Vitalität, und sie kann die Funktion, zu der sie vermittels des „Schalles“ oder der Sprache ausgesandt wird, mit grösserer Präzision erfüllen.
Zweitens neigt jedes gesprochene Wort und jede darauf aufgebaute Gedankenform (es sei denn sie entsteht auf dem höheren Pfad und beruht nicht auf Persönlichkeitsimpulsen) dazu, zwischen dem Menschen und seinem Ziel eine Schranke aus mentaler Materie aufzurichten. Diese Materie oder Trennungswand muss
290) Bibel, Sprüche 10,19.
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beseitigt werden, ehe ein weiterer Fortschritt möglich wird; diese Beseitigung ist karmisch bedingt und unvermeidlich.
Drittens ist die Sprache im wesentlichen ein Verständigungsmittel auf physischem Gebiet; auf den subtileren Stufen, auf denen sich ein Jünger befindet, und im Verkehr mit seinen Mitarbeitern und erwählten Gehilfen wird sie eine immer geringere Rolle spielen. Intuitive Wahrnehmung und telepathischer Austausch kennzeichnen den Verkehr zwischen Aspiranten und Jüngern, und wenn volles Vertrauen, Sympathie und vereinte Anstrengungen für den Plan dazukommen, dann entsteht eine Gruppe, mit welcher der Meister arbeiten, und durch die er seine Kraft hindurchströmen lassen kann. Ein Meister wirkt durch (grosse oder kleine) Gruppen, und sein Bemühen wird erheblich erleichtert, wenn zwischen den Einheiten der betreffenden Gruppe ein steter und ununterbrochener telepathischer Austausch stattfindet. Der Missbrauch von Sprache ist eine der häufigsten Ursachen für Schwierigkeiten im Gruppenwerk und für die vorübergehende Abdämmung der vom Meister her einströmenden Kraft. Dieser Missbrauch verursacht eine zeitweilige Verstopfung des Kraftkanales auf der Mentalebene.
Ich erwähne diese drei Faktoren deshalb, weil diese Frage des Gruppenwerkes von vitaler Bedeutung ist und weil heutzutage viel davon erhofft wird. Wenn der Meister in irgendeiner Organisation auf der physischen Ebene einen Kern von wenigstens drei Menschen finden kann, die wechselseitig zusammenarbeiten (ich wähle dieses Wort mit Bedacht) und den Pfad des Dienens uneigennützig verfolgen, dann kann Er in kürzerer Zeit mehr erreichen, als mit einer grossen und geschäftigen Gruppe von Menschen, die vielleicht aufrichtig und eifrig bestrebt sein mögen, die aber nicht wissen, was es heisst, einander zu vertrauen und zusammenzuarbeiten, und die ihre Sprache nicht im Zaume halten können.
Wenn es einem Menschen gelingt, die tiefere Bedeutung der Sprache zu verstehen, wenn er lernt, wie und wann er sprechen soll, was durch Sprache erreicht wird und was sich ereignet, während er spricht, dann ist er seinem Ziel schon recht nahe. Wer
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seine Sprache richtig abzumessen weiss, der wird am ehesten Fortschritte machen. Darüber sind sich die Leiter von okkulten Bewegungen von jeher klar gewesen. Der hochokkulte Orden des Pythagoras zu Crotona und viele andere esoterische Schulen in Europa und Asien machten es zur Regel, dass alle Neophyten und Probeschüler nach ihrem Eintritt in die Schule zwei Jahre lang nicht sprechen durften; und wenn sie während dieser Zeit zu schweigen gelernt hatten, dann gab man ihnen das Recht, zu sprechen, denn inzwischen hatten sie eine bestimmte Verschwiegenheit erworben.
Okkulte Schüler sollten sich wirklich darüber klar werden, dass jeder gute Redner sich in höchst okkulter Weise betätigt. Wenn jemand z.B. einen guten Vortrag hält, dann tut er in kleinem Massstab etwas, was dem Werk des Sonnenlogos entspricht. Was tat Er denn? Er dachte, er erbaute, er belebte. Ein Redner sucht also das Material aus, das er zum Aufbau seines Vortrages benutzen und mit Lebenskraft erfüllen wird. Aus aller gedanklichen Materie der Welt sucht er die Substanz zusammen, die er in individueller Weise zu verwenden sucht. Dann ahmt er das Werk des zweiten Logos nach, indem er die Substanz klug zu einer Form ausgestaltet. Er erbaut die Form, und wenn das geschehen ist, spielt er zum Abschluss noch die Rolle der ersten Person der Dreieinigkeit, indem er ihr seinen Geist, sein Leben und seine Kraft einflösst, damit sie zu einer vibrierenden, lebendigen Manifestation wird. Wenn ein Vortragender oder Redner irgendwelcher Art das fertig bringt, dann kann er jederzeit seine Zuhörer fesseln, und sie werden stets von ihm lernen können; sie werden das erkennen, was die Gedankenform ihnen zu vermitteln beabsichtigt.
Im Alltagsleben macht der okkulte Schüler es ebenso, sooft er spricht; aber das Traurige dabei ist meistens das, dass er eine Form erbaut, die gewöhnlich nicht der Mühe wert ist, und dass er sie dann mit einer falschen Art von Energie belebt, so dass sie keine konstruktive, lebenskräftige und hilfreiche, sondern eine zerstörende Kraft in der Welt darstellt. Wenn wir die verschiedenen Schöpfungsgeschichten der Welt studieren, werden wir feststellen,
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dass die Schöpfung durch Schall oder Sprache, oder durch das Wort vollbracht wurde. In der christlichen Bibel heisst es: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war Gott. Alle Dinge sind durch dasselbige gemacht und ohne dasselbige ist nichts gemacht, was gemacht ist.“ h 291) /h Somit wurden der christlichen Lehre nach die Welten durch das Wort Gottes erschaffen.
In den heiligen Schriften der Hindus finden wir, dass der Herr Vishnu, der die zweite Person der Dreieinigkeit vertritt, „Die Stimme“ genannt wird. Er ist der grosse Sänger, der die Welten und das Universum mit seinem Gesang erbaut hat. Er ist der Enthüller der Gedanken Gottes, der das Universum von Sonnensystemen erschaffen hat. So, wie die Christen vom grossen Wort, vom Wort Gottes, von Christus sprechen, genauso sprechen die Hindus von Vishnu, dem grossen Sänger, der durch seinen Gesang schöpferisch wirkt.
In der Manifestation auf der physischen Ebene erkennt man uns an unserer Sprache; man erkennt uns an unserer Zurückhaltung, an dem, was wir sagen, und an dem, was wir ungesagt lassen; und man beurteilt uns nach der Qualität unserer Unterhaltung. Wir schätzen die Menschen nach dem ein, was sie sagen, denn ihre Worte enthüllen die Art von Gedankenmaterie, in der sie sich betätigen, und die Qualität der Energie oder Lebenskraft, mit der sie ihren Worten Nachdruck verleihen. Die verschiedenen Sonnenlogoi der ungeheuren Konstellationen, die uns bei Betrachtung des Sternenhimmels ins Auge fallen, beurteilen die Qualität des Logos unseres eigenen Sonnensystems nach jener grossen Gedankenform, die er durch die Kraft seiner Sprache erbaut und durch die besondere Qualität seiner Liebe mit Energie erfüllt hat. Wenn Gott spricht, werden die Welten erschaffen, und zur gegenwärtigen Zeit hat Er noch nicht zu Ende gesprochen. Er hat das, was Er zu sagen hat, noch nicht abgeschlossen, und daraus erklärt sich die scheinbare Unvollkommenheit der Gegenwart. Wenn dieser grosse, göttliche Satz, der sein Denken in Anspruch nimmt, zum Abschluss gebracht ist, werden wir ein vollendetes, von vollendeten Daseinsformen bewohntes Sonnensystem haben.
291) Bibel. Ev. Johannes, I
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Durch Sprache wird ein Gedanke hervorgerufen und gegenwärtig gemacht; er wird aus einer Abstraktion und einem nebelhaften Zustand herausgebracht und auf der physischen Ebene materialisiert, wodurch auf ätherischen Stufen (wenn wir das nur sehen könnten) eine ganz bestimmte Wirkung hervorgebracht wird. Es entsteht eine objektive Manifestation, denn die „Dinge sind das, was das Wort aus ihnen macht, indem es sie benennt“. Die Sprache ist buchstäblich eine grosse magische Kraft; die Adepten und weissen Magier können, weil sie die Kräfte und die Macht des Schweigens und des Sprechens kennen, Wirkungen auf der physischen Ebene hervorbringen. Bekanntlich gibt es einen Zweig der Magie, in dem dieses Wissen in Gestalt von Machtworten, Mantrams und Formeln angewandt wird, welche die verborgenen Kräfte der Natur in Bewegung setzen und die Devas ans Werk rufen.
Die Sprache ist einer der Schlüssel, der die Verbindungstür zwischen den Menschen und den subtileren Wesen erschliesst. Sie weist den Weg zur Entdeckung jener Entitäten, die auf der anderen Seite des Schleiers anzutreffen sind. Aber derjenige, der das Schweigen gelernt hat und die gegebenen Augenblick zum Sprechen kennt, darf diesen Schleier durchdringen und gewisse esoterische Verbindungen aufnehmen. Wie die Geheimlehre uns mitteilt, besteht die Magie darin, dass man die Götter in ihrer eigenen Sprache anspricht; daher kann die Sprache des Durchschnittsmenschen sie nicht erreichen.
Wer also die okkulte Sprache zu erlernen sucht, wer gar zu gern die Worte erfahren möchte, die auf der anderen Seite des Schleiers vernehmbar sind, und wer die Formeln und Sätze verwenden möchte, die ihm Gewalt über die Bauleute verleihen würden, der muss erst einmal seinen bisherigen Gebrauch von Worten verlernen und sich der üblichen Sprechweise enthalten. Dann wird er sich die neue Sprache aneignen, und es werden ihm die neuen Ausdrücke, Worte, Mantrams und Formeln anvertraut werden.
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Die Gesetze der Sprache sind die Gesetze der Materie, und deshalb können okkulte Schüler die Gesetze, welche die Substanz der physischen Ebene betreffen, auch auf ihren Gebrauch von Worten anwenden, denn dabei handelt es sich um die Handhabung von Materie auf anderen Ebenen. Die Sprache ist das grosse Mittel, wodurch wir das Wesen des kleinen, von uns erbauten Systems offenbaren – jenes Systems, in welchem jede menschliche Einheit die zentrale Sonne ist, denn gemäss dem Anziehungsgesetz zieht jeder Mensch das an sich, was er benötigt.
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